"Wieviel Zoll?" - Warum Kinderfahrrad-Größentabellen nicht helfen

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in: Fahrräder, Jugendfahrräder, Kaufberatung, Kinderfahrräder, Kinderfahrradfinder, Ratgeber



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In diesem Artikel geht es darum, mit dem Mythos aufzuräumen, die Größe von Kinderfahrrädern würde über den Durchmesser ihrer Laufräder definiert (16 Zoll, 20 Zoll, 24 Zoll usw.) und somit aufzuzeigen, dass allgemeine Kinderfahrrad-Größentabellen bei der Suche nach einem passenden Kinderrad völlig nutzlos sind. Natürlich nicht ohne dann auch zu erklären, wie man tatsächlich auch aus der Ferne (zum Beispiel vor einer Online-Bestellung) herausfinden kann, welches Kinderfahrrad passen wird. Denn es gibt auch gute Tabellen.

"Wieviel Zoll braucht mein Kind?", "Bestes [x] Zoll Kinderfahrrad"

Das sind typische Google-Suchbegriffe von Eltern, die im Begriff sind, ein neues, passendes Fahrrad für den Nachwuchs zu kaufen. 

Wer die erste Frage stellt, wird unweigerlich auf eine Vielzahl von Kinderfahrrad-Größentabellen als Suchergebnis stoßen. Diese Tabellen versprechen anhand von Körpergröße und/oder Innenbeinlänge oder gar Alter des Kindes die gestellte Frage nach der richtigen "Fahrradgröße" zu beantworten. Und zwar mit einer Angabe in Zoll - also der Größe der Räder des Fahrrads. 

Mit der vermeintlichen Antwort aus der Größentabelle gewappnet - also zum Beispiel "16 Zoll" oder auch "20 Zoll" wird weiter recherchiert mit Suchen wie "bestes 20 Zoll Kinderfahrrad", "16 Zoll Fahrrad gebraucht" und Ähnlichem. 

Im schlimmsten Fall wird dann aus dem Gefundenen bald beschlossen, welches das "beste Kinderfahrrad" mit gefallender Optik, akzeptablem Preis mit der gesuchten Laufradgröße ist - und sogleich bestellt.

Verheerendes Ergebnis in aller Regel: Kind und Eltern besitzen nun ein neues Kinderrad, das überhaupt nicht passt. Entweder ist das neue Fahrrad zu klein, das Kind stößt beim Pedalieren mit den Knien fast gegen seine Ellenbogen - und fährt deshalb bald oft im Stehen, was wahnsinnig anstrengend ist. Oder es ist zu groß: Auch das führt im schlimmsten Fall zu viel Fahren im Stehen, um näher an den Lenker zu kommen - oder zumindest fehlende Kontrolle über das Ungetüm, was letztlich auch richtig gefährlich werden kann.

Allgemeine Größentabellen funktionieren nicht!

So weit die Behauptung, die ich oben aufgestellt habe. Aber warum ist das so? Sehen wir uns doch einfach mal so eine typische Größentabelle an:

          

Kinderfahrrad-Größentabelle

 
Alter
Körpergröße
Innenbeinlänge
Fahrradgröße in Zoll
2–3 Jahre
85–100 cm
35–42 cm
12 Zoll
3–4 Jahre
95–110 cm
40–50 cm
14 Zoll
4–5 Jahre
110–120 cm
45–55 cm
16 Zoll
5–8 Jahre
120–135 cm
55–63 cm
20 Zoll
8–11 Jahre
135–145 cm
60–72 cm
24 Zoll
11+ Jahre
145+ cm
70+ cm
26 Zoll

...dabei ist es völlig egal, was in den ersten Spalten wie Alter, Körpergröße und Innenbeinlänge steht. Auch ist unerheblich, wie viele Zeilen sie haben - sprich: wie granular sie nach Altersstufen und Körpermaßen unterteilt sind. Alleine der Blick auf die letzte Spalte "Fahrradgröße in Zoll", reicht aus, um zu zeigen, dass solche Tabellen ausnahmslos nutzlos und irreführend  sind.

"Fahrradgröße" in Zoll

Vorab: Die Zollangaben bei Fahrrädern definieren den Durchmesser der Räder - angegeben in Inch. Aber sind verschiedene Fahrräder mit identischem Raddurchmesser etwa alle ungefähr gleich groß? Denn nur dann würden die Zoll-Werte in der letzten Spalte ja als Antwort auf die Frage nach der passenden Fahrrad-Größe funktionieren.

Bei Rädern für Erwachsene ist wohl jedem sofort klar, das dies dort nicht so ist: Fast alle Erwachsenenfahrräder haben heute Laufräder mit 28 Zoll. Aber trotz identischer Laufradgröße gibt es welche, die 2,20 Meter-Hünen passen. Und andere für 1,60 Meter kleine Menschen. Niemals könnte aber jemand, der 1,60 Meter klein ist, auf dem Rad des 2,20 Meter-Riesen gut fahren. Und umgekehrt wäre es auch kein Spaß. Obwohl beide Fahrräder 28 Zoll große Räder haben.

Und ganz genauso verhält es sich bei Kinderfahrrädern. Die Größe der Räder in Zoll sagt absolut nichts darüber aus, ob ein Fahrrad einem Kind mit bestimmter Körpergröße - geschweige denn bestimmten Alters - passen wird oder nicht.

(Größen-)Beispiele gefällig?

Nehmen wir mal den Wert "20 Zoll", den uns die Tabelle z.B. für ein 6 Jahre altes Kind zum Kauf empfehlen möchte, das 1,25 Meter groß ist und eine Innenbeinlänge von 56 cm besitzt.

Und schauen dann mal in die Kinderfahrrad-Datenbank des Kinderfahrradfinders, in der inviduelle Größenempfehlungen des jeweiligen Herstellers für jedes einzelne Modell hinterlegt sind und filtern sie mal auf die für 1,25 m Körpergröße laut Größentabelle vorgeblich passenden Räder mit 20 Zoll Laufrädern. Dort finden sich dann Kinderräder, die bereits ab 95 cm Körpergröße passen, sowie welche für die das erst ab 1,28 Meter gilt. Und alles Mögliche dazwischen:

Pech für Eltern, die auf die Versprechungen der Tabelle vertraut haben und für ihr 1,25 Meter-Beispielkind eines der genannten 20 Zoll-Modelle von woom, Pyro, VPACE, oder Federleicht gekauft hätten. Sie wären dem Kind allesamt vom ersten Tag an viel zu klein. Die richtige Größe für 1,25 m haben bei diesen Herstellern die Modelle mit 24 Zoll. Bei Federleicht sogar schon das 26 Zoll-Rad (!). Das Frog Road wäre noch zu groß gewesen. Nur mit dem PUKY hätten sie zufällig Glück gehabt. Und auch ein normales Frog 20 Zoll hätte zufällig gepasst.

Um zu belegen, das Tabellen wie die oben nichts taugen, reicht es eigentlich schon zu wissen, dass viele Kinderfahrradhersteller pro Laufradgröße zwei unterschiedlich große Fahrräder im Programm haben. Und manche sogar drei:

Zum Beispiel bei Pyro Bikes

Und genauso bei KUbikes (26S, 26M, 26L).

Auch hier wieder: Pech für Eltern, die von der Größentabelle gesagt bekommen haben, 26 Zoll sei richtig für 1,50 Meter, dann ein gebrauchtes "26 Zoll Pyro Bike" bei Ebay günstig ersteigert haben. Und dann mit einem viel zu kleinen Twentysix Small Fehlkauf dastehen. 2-3 Jahre früher hätte das dem Nachwuchs nämlich vielleicht gepasst.

Gibt es auch gute Größentabellen für Kinderfahrräder?

Ja, gute Größentabellen gibt es tatsächlich! Es sind die Größentabellen der Hersteller selbst, die individuelle Größenempfehlungen für jedes einzelne ihrer Modelle machen. Wie zum Beispiel bei KUbikes hier oder Islabikes hier. (Nicht alle Hersteller haben solche zentralen Tabellen. Aber entsprechende Größenempfehlungen direkt auf der jeweiligen Produktseite eines Modells sind natürlich genauso gut.)

Und basierend auf genau diesen modellspezifischen Größenangaben der einzelnen Marken basiert dann natürlich auch die Kinderfahrrad-Größensuche des Kinderfahrradfinders. :-)

Bei diesen Empfehlungen kommt es übrigens nicht nur darauf an, wie niedrig sich der Sattel des betreffenden Modells einstellen lässt. Sondern gute Hersteller berücksichtigen neben weiteren Eigenschaften der Rahmengeometrie auch die sogenannte Überstandshöhe. Das ist die Höhe der Oberkante des Oberrohrs an der Stelle, über der ein Kind steht, wenn es aus dem Sattel gestiegen ist. Zum Beispiel nach dem Anhalten. 

Vor allem bei einem Nothalt kann es nämlich arg schmerzhaft werden, wenn die Überstandshöhe größer ist, als die Beinlänge. Und die kleine Radfahrerin oder der kleine Radfahrer dann mit dem Schritt unsanft auf der Stange landet. 

Insofern sind allgemeine Empfehlungen zu "soundsoviel Zoll" sogar eigentlich nicht nur falsch, sondern unter Umständen sogar gefährlich.

Fazit

Liebe Eltern. Vergesst sämtliche Ratgeberseiten und Artikel im Internet, die Euch weismachen wollen, die Größe von Kinderfahrrädern werde "in Zoll angegeben". Denn das ist einfach völlig falsch.

"In Zoll angegeben" wird schlicht die Größe der Laufräder. Und die hat - wie gezeigt - nichts mit der Frage zu tun, ob Eurem Kind ein bestimmtes Kinderrad passen wird oder nicht.

Es zählen einzig die Beobachtungen eines geschulten Auges bei einer Probefahrt und/oder die konkreten Empfehlungen des jeweiligen Herstellers für jedes einzelne seiner Modelle.

Somit führen alle Größentabellen mit Zollangaben in der Antwort-Spalte einfach gröbstens in die Irre. Und schlimmstenfalls dann zu einem Fehlkauf. Sprich zu rausgeschmissenem Geld und Frust mit einem untauglichen neuen Fahrrad.

Wer wissen will, ob dem Nachwuchs ein bestimmtes Fahrrad passt, kann natürlich eine Probefahrt machen, wenn möglich. Und wenn das nicht möglich ist, sich einfach direkt auf der Webseite des jeweiligen Herstellers informieren. 

Oder - um erstmal eine Übersicht passender Modelle verschiedener Marken zu bekommen: beim Kinderfahrradfinder :-).

Nachtrag

Mancher Leser wird sich nach dieser vernichtenden Kritik an allgemeinen Größentabellen für Kinderfahrräder fragen, warum das Netz denn dann so voll ist mit Kinderfahrrad-Ratgeberartikeln, die den Zoll-Durchmesser der Laufräder als falsches Maß aller Dinge bei Kinderrädern darstellen. Und auf denen sinnfreie Größentabellen ähnlich der oben gezeigten dann auch nie fehlen.

Der erste Teil der Antwort ist einfach: Es gab mal eine Zeit, in der solche Tabellen und Zoll-basierten Größenangaben noch weitgehend allgemeingültig zum passenden Kinderrad geführt haben. Nur: Diese Zeit ist etwa 20 Jahre her. Es war eine Zeit, in der Fahrradhersteller das Kinderfahrrad-Thema noch nicht wirklich ernst genommen haben. Von Gedanken wie "Ist doch nur ein Kinderrad" und "Da geben Eltern doch sowieso nix für aus" war die Entwicklung damals geleitet. Und so bauten alle fröhlich nach Schema-F. Auch in Bezug auf die Größe der Räder. 

Dass das heute (und eigentlich schon seit ca. 15 Jahren) aber völlig anders ist, habe ich oben gezeigt. 

Solche Tabellen sind also schlicht veraltet. Aber: Hat das außer dem Kinderfahrradfinder etwa keiner gemerkt? Irreführende Kinderfahrrad-Größentabellen nach Zoll finden sich doch sogar auf den Seiten der bekanntesten und größten, modernen Fahrrad-Onlineshops. Die sollten sich doch eigentlich auskennen und solch veralteten Quatsch nicht verbreiten, sollte man meinen. 

Zumal sie sich Online-Händler doch ins eigene Fleisch schneiden, wenn dann nach solchen Tabellen bestellt wird und massenhaft Retouren die direkte Folge sind. (Das vermeiden sie trotz alberner Größentabellen dann aber doch, indem sie auf den Produktseiten der einzelnen Modelle natürlich doch die richtigen, individuellen Größenangaben machen.)

Und hier kommen wir zum zweiten Teil der Antwort. Und damit zurück zu den eingangs erwähnten, typischen Google-Suchen von Eltern: 

  • "Wieviel Zoll braucht mein Kind?"
  • "Bestes [x] Zoll Kinderfahrrad"
  • "Fahrrad für 5-jährige"
  • "Kinderfahrrad Größentabelle"
  • ... usw.

Sehr viele Eltern - wenn nicht die meisten - suchen kurz vor dem Kinderfahrrad-Kauf genau so. Und Online-Shop- und Webseitenbetreiber möchten diese Eltern natürlich auch auf ihre Seiten lenken. Und das gelingt halt nur, wenn dann dort auch Artikel bereitstehen, die die relevanten Begriffe enthalten. Und die versprechen, die (eigentlich falsch) gestellten Fragen der Eltern zu beantworten. 

  • "Wieviel Zoll braucht mein Kind?" --> "Soundsoviel Zoll"
  • "Fahrrad für 5-Jährige" -> "Dieses oder jenes, bzw. eines mit soundsoviel Zoll"

...obwohl doch jedem klar sein müsste, das beim Alter schon die Frage Unfug ist, angesichts völlig verschieden groß oder klein gewachsener 5-jähriger...

(Gut, auf einigen solcher Seiten steht in der Erklärung zur Zoll-Tabelle sinngemäß sowas wie "zur groben Orientierung". Aber wer überliest einen solchen Hinweis nicht, wo eine schnelle Antworten versprechende Tabelle ins Auge springt? Und welchen Sinn sollte "grobe Orientierung" überhaupt machen, wenn doch natürlich ein Rad gesucht ist, das wirklich passt und nicht Eines, "das vielleicht grob passen könnte"? ;-))

Und so ist das Kinderfahrrad-Zoll-Missverständnis ein sich selbstverstärkender Kreislauf geworden

Weil Eltern nach Zoll fragen, antworten und erklären Webseiten mit Zoll. Und weil Webseiten mit Zoll-Tabellen erklären, fragt dann die nächste Elterngeneration auch wieder nach Zoll. Und so weiter....

Bleibt zu hoffen, dass Google auch die vielfache Verwendung der Wörter "Zoll", "Größentabelle", "Fahrradgröße", "Alter" etc. auch in diesem Artikel hier goutiert, so dass nach Zoll-Größen suchende Eltern dann auch hier landen.

Und sie es dann nach der Lektüre hoffentlich besser wissen. 

Vielleicht kann der unselige Kreislauf selbstverstärkender Unwahrheit ja so unterbrochen - oder wenigstens etwas abgeschwächt werden. :-)

...

p.s: Wer einmal nachlesen will, welche Überlegungen dahinter stecken, wenn Hersteller für eine bestimmte Körpergröße 24" oder gar schon 26 Zoll Laufräder verbauen, wo andere noch auf 20 Zoll setzen, dem sei der MTB-Kaufratgeber-Artikel zu genau diesem Thema von den Kinderbike-Experten bei VPACE empfohlen.


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